Dienstag, 11. Januar 2011

Sturm in der Magellanstrasse

von Andreas Schmidt Copyright by NDR Der Westwind zerfurcht das Wasser, fegt Gischtwolken von den Wellenkämmen und dringt durch jede noch so kleine Ritze in der Kleidung. In der Takelage klingt ein hohles Stöhnen, langsam aufsteigend zu einem Heulen. Es sind 50 Knoten Wind, manchmal 60, also um die 100 Stundenkilometer - Windstärke 10 bis 11.


Ein kleiner Vorgeschmack auf's Kap

Der Westwind faucht durch die Magellanstraße, wir haben ihn genau von vorn. Er zerbläst das Weißwasser der brechenden Wellen zu langen schaumigen Streifen. Er schiebt in kleinen Meerengen drei Meter hohe Wellen zusammen. Die "Gorch Fock" stampft. Der Wind steht gegen die Strömung, das macht die Wellen kurz und steil - wir kommen kaum voran. Dies ist Johanns Tag. Johann, das ist der Schiffsdiesel. Ein Deutz, 6 Zylinder, 1.660 PS. "Wir haben ihn extra noch einmal gestreichelt vor der Tour", sagt Chefingenieur Guido Zado. Doch Johann stammt aus dem Jahr 1973, und die steilen Wellen bekommen ihm nicht. Immer wieder kommt in dem Geschaukel das Heck der "Gorch Fock" dermaßen weit aus dem Wasser, dass die Schraube durch Luft dreht und nicht durch Wasser. Dann heult Johann auf und dem Chefingenieur ist nicht wohl dabei. Man bedenke: Wir sind in der Magellanstraße, nicht auf dem offenen Meer.

Wir bewegen uns in Richtung Pazifik. Da ist auch Westwind - und drei Mal so hohe Wellen. Kommandant Schatz reckt kritisch den Kopf in die Luft: "Ich frage mich, wie der Magellan das damals eigentlich geschafft hat." Ferdinand Magellan, der Entdecker der Wasserstraße, die Atlantik und Pazifik verbindet. Im Jahr 1520 kam er, Portugiese in spanischen Diensten, nach langer Reise hier an, mit drei maroden Schiffen, mit meuternden und zweifelnden Seeleuten und zu wenig Lebensmitteln. "Der ist mit jeder Tide ein Stück weiter gefahren, hat Anker geworfen und dann auf die nächste Strömung gewartet", meint Norbert Schatz. Er hat dafür Johann.
Ein Lotsenboot stampft an uns heran. Mit einem gekonnten Manöver bugsiert der Steuermann sein Boot an uns heran. Im einzigen passenden Augenblick springen zwei schwarz gekleidete Herren an Deck. Ihre Taschen kommen an Seilen herüber. Es sind Militärlotsen der chilenischen Marine. Sie sollen uns weiterführen. Im Kartenhaus empfehlen sie Norbert Schatz eine Route zum Kap Hoorn, die innerhalb der Inselwelt von Feuerland entlangführt.
Aber Schatz möchte auf der offenen See segeln. Die Lotsen sagen: "dangerous", sie sagen: "bad weather".
Aber Schatz möchte die volle Wucht des Ozeans spüren und die jungen Leute an Bord die Kräfte der Natur erleben lassen.
Kleine Wale spielen schon den ganzen Tag in den Wellen. Pinguine schwimmen herum. Die kargen Küsten von Feuerland im Süden und Patagonien im Norden kommen einander immer näher. Die tiefe Abendsonne schält die Strukturen der Landschaften noch schärfer heraus. Schutt, Ödnis, kaum Spuren von Menschen. In Punta Arenas gehen die chilenischen Lotsen wieder von Bord.
Die Wellen haben sich beruhigt. Morgen soll der Wind abflauen und auf Nord drehen. Das wäre gut für
alle. Johann hätte eine Pause, die "Gorch Fock" könnte wieder Segel setzen, und wir alles filmen .
Zwei chilenische Militärlotsen springen an Deck. Sie sollen die "Gorch Fock" weiterführen und empfehlen eine Route, die innerhalb der Inseln von Feuerland entlangführt.

Text und Fotos: Andreas Schmidt NDR Reisetagebuch Kap Hoorn

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