Samstag, 15. Januar 2011

Reisetagebuch "Gorch Fock" von Andreas Schmidt NDR

Text und Fotos Andreas Schmidt Norddeutscher Rundfunk http://www.ndr.de/

Es ist zunächst ein Morgen wie viele andere auf dieser Reise. Anziehen ist eine Sportart für sich. Ohne blaue Flecken zum Frühstück zu kommen, ist die hohe Schule. Der Wind ist ideal - wenn man so will. Er kommt aus Südwest und pendelt um die 40 Knoten, also acht bis neun Windstärken. Für hiesige Verhältnisse ist das moderat. Immerhin ist Hochsommer im südlichen Ozean: Regen und Hagelschauer bei Wasser- und Lufttemperaturen um die fünf Grad.
Nicht nur irgendein Felsen

Dann ein Anruf von der Brücke: "Kap Hoorn in Sicht". An Deck herrscht aufgekratzte Stimmung. Immer mehr Menschen versammeln sich, genießen das Schauspiel. Man könnte zwar sagen: Es ist nur ein Felsen, aber dieser ist anders. Die Spitze des Kaps reicht weit hinaus aus der zerklüfteten Küstenlandschaft. Der Himmel ist verhangen, doch die Spitze ist immer zu sehen. Manchmal kommt ein Sonnenstrahl durch. Dann beleuchtet er eine dramatische Szenerie. Graue Klippen, grünes Land und vorgelagerte Felsen über denen sich die Ozeanwellen wie in Zeitlupe brechen. Meterhoch fliegt die Gischt. Ein Tanker kreuzt unser Kielwasser. Er rollt in der See, wählt einen weiten Umweg ums Kap.
Kommandant Schatz gerät ins Schwärmen


Kommandant Norbert Schatz erlebt den Höhepunkt seiner seemännsichen Karriere.

Für die "Gorch Fock" sind Wind, Wellen, und Strom heute günstig. Deswegen kommen wir bis auf eine Seemeile ans Kap heran. "Es war ein Kampf, hierherzukommen", sagt einer der Wehrpflichtigen an Bord und gerät ins Schwärmen. "Aber der Kampf hat sich gelohnt." Jetzt spielt er mit dem Gedanken, bei der Marine zu bleiben und Offizier zu werden. Norbert Schatz, der Kommandant, erlebt den Höhepunkt seiner seemännsichen Karriere: "Das ist einzigartig. Das ist ein Geschenk, und das muss man dann auch annehmen."
Kap Hoorn - "Selbst der Teufel würde hier erfrieren", schrieb einst Charles Darwin. Keine Passage auf den Seewegen der Weltmeere ist gefährlicher als die vorbei an Amerikas südlichster Spitze. An diesem abgelegenen Flecken Erde treffen die kalten und warmen Wassermassen von Atlantik und Pazifik ungebremst aufeinander. Das Ergebnis sind mächtige Orkane, Kälte, Regen und Eisberge. Kommandierende Kapitäne, die das Kap Hoorn auf einem Frachtensegler ohne Hilfsmotor bezwangen, wurden Ehrenmitglieder der Kap Hoorniers, einer internationalen Gemeinschaft. Am 13. Januar 2006 umrundete mit der mit einem Hilfsmotor ausgestatteten Bark "Alexander von Humboldt" erstmals seit 1949 wieder ein Rahsegler unter deutscher Flagge das Kap. Die "Gorch Fock" steht jetzt kurz davor
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Das Segelschulschiff wird noch einmal ums Kap Hoorn segeln - diesmal aber in westlicher Richtung. Wir kommen langsam zum Ende unserer Dreharbeiten. Viele schlaflose Nächte, kräftiges Festkrallen und Weiterhangeln, das lange Warten auf den richtigen Augenblick - es hat uns genug Material eingebracht, um spannende Geschichten für das NDR Fernsehen zu produzieren.
In zwei Tagen legt die "Gorch Fock" in Ushuaia an, einer ehemaligen Sträflingskolonie am Beagle-Kanal. Jetzt ist Ushuaia ein beliebter Hafen für Kreuzfahrer und Antarktis-Reisende. Danach wird das Segelschulschiff noch einmal ums Kap Hoorn segeln - diesmal aber in westlicher Richtung. Das ist gegen die vorherrschenden Winde, gegen die Strömung, gegen die Wellen - und eine neue Herausforderung für die gesamte Mannschaft. Doch zur "Kieler Woche" wollen sie wieder in Kiel sein.

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